Was ist Technikgeschichte?
Ulrich Wengenroth

Jeder Beschäftigung mit der Technikgeschichte muss die Überlegung vorausgehen, was mit dem zusammengesetzten Substantiv "Technikgeschichte" gemeint ist. Als Zusammensetzung aus zwei Wörtern besteht "Technikgeschichte" aus einem Grundwort, in diesem Fall "Geschichte", und einem Bestimmungswort, hier "Technik". Das heißt, "Technikgeschichte" ist in erster Linie "Geschichte", die durch das Bestimmungswort "Technik" näher definiert und eingegrenzt wird. Diese einfache grammatische Überprüfung hat freilich weitreichende Folgen, die unter jenen, die Technikgeschichte betrieben haben, keinesfalls immer akzeptiert wurden und die auch heute noch gelegentlich zu Konflikten führen. Es ist die Frage, welcher Kompetenz es zu allererst bedarf, um Technikgeschichte wissenschaftlich betreiben zu können. Historisch wurde dieser Konflikt dadurch entschieden, dass heute an den deutschen Universitäten, aber auch in den USA, die Technikgeschichte als eine der vielen historischen Unterdisziplinen neben der Sozialgeschichte, der Wirtschaftsgeschichte, der Mentalitätsgeschichte, der Kirchengeschichte usw. betrieben wird. Insofern hat sich die grammatische Hierarchie der Begriffe Geschichte und Technik hier auch institutionell durchgesetzt.

Technikgeschichte ist heute eine fest etablierte historische Disziplin, die sich theoretisch und methodisch an der Mutterdisziplin Geschichtswissenschaft orientiert. Das heißt aber auch, dass sie keine Technikwissenschaft ist, mit deren Theorien- und Methodenarsenal darum auch nicht betrieben werden kann. Diese Grundüberzeugung wird heute von nahezu allen institutionellen Vertretern der Technikgeschichte – von den Universitäten über die technischen Museen bis zum Verein Deutscher Ingenieure – geteilt. Gleichwohl muss sie angesichts der Spuren, die vergangene Konflikte hinterlassen haben, immer noch hervorgehoben werden. Damit ist die Zuordnung der beiden Begriffe Geschichte und Technik in der Technikgeschichte zwar grammatisch und historisch geklärt, nicht aber ihre Bedeutung. Was ist Geschichte; was ist Technik; und was tun wir, wenn wir Technikgeschichte wissenschaftlich betreiben?

Geschichte, ιστορια (Historia), war für die Griechen "Erkundung". Aristoteles stellte sie als Darstellung des Einzelnen der Poesie gegenüber, die vom Allgemeinen handelt. Im Frühneuhochdeutschen stand "Geschichte" zunächst für eine Begebenheit und schließlich für die Erzählung von Geschehenem. In beiden Sprachkulturen, auf die sich unsere heutige Wissenschaft stützt, war Geschichte also nicht einfach nur ein anderes Wort für Vergangenheit. Geschichte ist vielmehr das, was wir in der Vergangenheit erkunden und von ihr erzählen, eine Erzählung, die wir mit unserem heutigen Wissen und unserer heutigen Neugier aus den Überresten der Vergangenheit verfassen. Geschichte ohne Autor ist nicht denkbar. Im 18. Jahrhundert wurden die vielen einzelnen Geschichten zu der Geschichte zusammengefasst, einem Kollektivsingular, in dem die Gesamtheit der Erkundungen und Erzählungen der Vergangenheit aufgehoben ist, ohne dass die Individualität der Einzelgeschichten dabei verloren geht. Neben die Vielfalt der Geschichten trat damit eine große, übergreifende Erzählung von besonderer Autorität. Mit ihr wurde die Idee des historischen Fortschritts geboren, dem nun alle individuellen Geschichten untergeordnet wurden. Geschichte als Gesamtheit bekam jetzt einen erkennbaren Pfad, über dessen Richtung und Existenz lebhaft gestritten wurde und immer noch unvermindert gestritten wird.

Im Unterschied zu den nach Regelmäßigkeiten suchenden "nomothetischen" Wissenschaften blieb Geschichte jedoch "idiographisch", d.h. beschreibend. Dieses Beschreiben kam ohne die Vorstellung einer Ordnung, eines Kosmos, freilich nicht aus und nutzte sie zur Strukturierung der Fragen nach der Vergangenheit, blieb dabei jedoch immer offen für Unerklärbares und Fremdes, für Kontingenz. Es konnte letztlich keine Regel gefunden werden, wonach das Ende einer Geschichte, ob im Singular oder im Plural, aus deren Anfang ableitbar gewesen wäre. Selbst die Form des Fortschrittes, so er überhaupt als existent akzeptiert wurde, blieb offen. Insofern gibt es Theorien in der Geschichte aber keine Theorie der Geschichte im Sinne einer Regelhaftigkeit des historisch Geschehenen – jedenfalls keine, die sich empirisch bewährt hätte. Das stets gespaltene Verhältnis der Geschichtswissenschaft zum Stellenwert theoretischer Begründungen in der Geschichte hat seinen dauernden Quell in dieser Asymmetrie zwischen der Anwendung von Theorien in der Geschichte bei gleichzeitiger Negation einer eigenen Theorie des historischen Prozesses.

Gleichwohl kann Geschichte, wenn sie wissenschaftlich betrieben werden soll und damit einen besonderen Geltungsanspruch für ihre Aussagen erhebt, auf die Offenlegung nachprüfbarer Voraussetzungen nicht verzichten. In der Geschichtswissenschaft folgen Erkundung und Erzählung als Forschung und Darstellung deshalb strengen Verfahrensregeln, d.h. Methoden, und setzen strukturierende Ordnungsvorstellungen, d.h. Theorien, voraus. Die Offenlegung dieser Methoden und Theorien unterscheidet die wissenschaftliche Geschichtsschreibung von der literarischen. Letztere verfügt zwar über größere Freiheitsgrade, ist dafür aber weniger verbindlich in ihren Aussagen. Beide Formen der Geschichtsschreibung koexistieren und gehen in vielen herausragenden Darstellungen ineinander über, dennoch bleiben sie meist klar unterscheidbar. Und wo diese Grenze deutlich gemacht wird, darf sie auch überschritten werden, denn legitim sind beide Formen, solange sie nicht miteinander verwechselt werden. Unser Bedürfnis nach Geschichte und Geschichten ist allemal größer als unsere Fähigkeit zur wissenschaftlichen Durchdringung der Vergangenheit; und die faktische Überprüfbarkeit einer Geschichte ist nicht das einzige Kriterium ihres Wertes. Die poetische Gabe der Wahrnehmung eines Zusammenhanges menschlicher Situationen kann schließlich zu ebenso erhellenden Einsichten wie empirisch gefestigte Hypothesenbildung führen. Zumal die Motivation für das Betreiben von Geschichte die Suche nach Identität ist.

Das gilt auch und in steigendem Maße für die Geschichte der Technik. Der Umzug der Menschen vom "Biotop ins Technotop" (Günter Ropohl), von den organischen zu den technischen Lebenswelten, wie er sich in historisch einmaligem Tempo seit gut zwei Jahrhunderten abspielt, hat ein großes Orientierungsbedürfnis hinterlassen. Die Geschichte dieses Umzuges muss immer wieder neu erzählt werden, wenn wir sie und damit uns selbst verstehen wollen. Zwar hat der Ausbau des Technotops nicht erst mit der Industrialisierung begonnen, doch hat er seitdem solche Ausmaße erreicht, dass sich das historische Interesse an der Technik ganz überwiegend auf das industrielle Zeitalter konzentriert. Das ist kein Spezifikum der Technikgeschichte, da alle historische Forschung ihren Arbeitsschwerpunkt in der jüngeren Vergangenheit bis weit in die Erfahrung der Lebenden hinein hat. Insoweit Geschichte das "Medium der Vergegenwärtigung eigener und fremder Identität" (Hermann Lübbe) ist, findet das Interesse an ihr seinen Ausgang in der Gegenwart, die zur Selbstverständigung und Selbstvergewisserung die Kommunikation mit der Vergangenheit sucht. In dem Maße, wie wir Technik als Bestandteil oder Bedrohung unserer Identität empfinden, bedürfen wir ihrer Geschichte. Doch ehe wir diese erkunden, um ihren Stellenwert für unsere Identität und unser Leben zu bestimmen, müssen wir uns einen Begriff davon machen, was wir unter "Technik" verstehen, was wir da überhaupt untersuchen wollen, wenn wir uns diesem Problem wissenschaftlich – und das heißt: intersubjektiv überprüfbar – nähern wollen. Die wichtigste spezielle Theorie in der Technikgeschichte ist die Theorie der Technik. Hier helfen uns Philosophen und Philologen, die zur Bestimmung des Begriffs wiederum historisch vorgehen.

Für die Griechen der Antike war τεχνη (Techne) die Kunst oder das Können, also zunächst noch kein materieller Gegenstand. "Technisch" handelten Menschen, indem sie etwas taten oder hervorbrachten, das es in der Natur so nicht gab. Erst in der Neuzeit wurden die Produkte solcher Handlungen selbst als "Technik" bezeichnet. Seitdem hat der Technikbegriff eine doppelte Zielrichtung. Einerseits umfasst er die künstlichen, gegenständlichen Gebilde (Artefakte oder Sachsysteme), andererseits die Beherrschung eines Handlungsschemas zur Erreichung vordefinierter Ziele, worunter dann auch die Technik des Klavierspiels oder die Finanzierungstechnik fallen können, für die Techne im antiken Sinne in hohem Maße erforderlich ist. Diese beiden letzten Beispiele sind jedoch meist nicht gemeint, wenn wir nach einer Geschichte des rasch wachsenden Technotops suchen, in dem wir unsere Identität finden müssen. Gleichwohl kann der Technikbegriff natürlich auch in anderen Zusammenhängen sinnvoll verwendet werden; er ist nicht exklusiver Besitz der Technikgeschichte oder der Technikwissenschaften.

In der Technikgeschichte geht es ganz vorwiegend um einen eingeschränkteren Technikbegriff, der sich mit den gegenständlichen Gebilden verbindet, in denen und mit denen wir leben. Diese Technik wurde früher einschränkend als "Realtechnik" bezeichnet und findet sich heute im Begriff der "Sachsysteme" wieder, womit "die vom Menschen künstlich hergestellten und planmäßig nutzbaren gegenständlichen Gebilde" (Günter Ropohl) gemeint sind. Diese gegenständlichen Gebilde können auch ganz immaterielle Dinge wie z.B. Software oder eine Modellierung sein. Für die praktischen Aufgaben der Technikwissenschaften ist dabei von großer Bedeutung, dass diese Gebilde Masse, Energie und/oder Information wandeln, transportieren oder speichern können. Da diese Sachsysteme alleine kaum wirkungsmächtig sind und sich nicht selbst reproduzieren, muss der Technikbegriff die menschlichen Handlungen und Einrichtungen, in denen diese Sachsysteme entstehen und in denen sie verwendet werden, mit einschließen. Eine Geschichte der Technik ist darum eine Geschichte menschlicher Handlungen, auch wenn sie es mit Sachen zu tun hat. Denn diese Sachen werden allein von Menschen geschaffen und stehen in menschlichen Verwendungszusammenhängen. Das unterscheidet die Technikgeschichte etwa von der Naturgeschichte, in der es ebenfalls um "Sachen" geht, die aber über weite Zeiträume auch ohne Erwähnung von Menschen sinnvoll geschrieben werden kann. Technikgeschichte ist dagegen ausschließlich Menschengeschichte und hat schon alleine deshalb ihre Heimat in der allgemeinen Geschichte.

Die Frage nach dem Gegenstand der Technikgeschichte mag trivial klingen, kann er doch nichts anderes als vergangene Technik sein, wie sie bis hierher definiert wurde. Da es sich um Technik in der Vergangenheit handelt, ist es jedoch eine Technik, die es nicht mehr gibt oder zumindest in der Form nicht mehr gibt, die "Gegenstand" der historischen Untersuchung sein soll. Eine Maschine mag immer noch physisch existieren, die "menschlichen Handlungen und Einrichtungen" gar, "in denen diese Sachsysteme entstehen und in denen sie verwendet werden", gehören dagegen ganz sicher der Vergangenheit an und sind nicht mehr zu beobachten. Der "Gegenstand" der Technikgeschichte ist zum Zeitpunkt der Erkundung nicht mehr verfügbar. Es gibt nur noch Überreste, die als Quellen der historischen Forschung genutzt werden können. Das ist kein besonderes Problem der Technikgeschichte, sondern gilt für alle Geschichte. Insofern gelten die folgenden Überlegungen für jede Teildisziplin der Geschichtswissenschaft gleichermaßen.

Wir können uns grundsätzlich nur mit dem beschäftigen, das nicht vergangen, also noch greifbar ist – den Quellen, wie sie sich heute präsentieren. Diese Quellen können wir wiederum nur mit unseren eigenen Vorstellungen konfrontieren, von denen wir allenfalls hoffen dürfen, dass sie teilweise denen unserer Vorfahren ähnlich sind. Diese vergangenen Vorstellungen, die alleine den Überresten ihren authentischen Sinn geben könnten, sind bestenfalls fragmentarisch auf uns überliefert. Es gibt keine Gewissheit darüber, ob wir wenigstens die Fragmente "richtig" verstanden haben, da die Denk- und Erlebniswelt der Produzenten dieser Fragmente in ihrer Komplexität unwiderruflich vergangen ist. Wir wissen noch nicht einmal, was uns alles an Wissen über die Vergangenheit fehlt.

Das jenseits der Quellen und ihrer sozialen und kulturellen Einbettung liegende Vergangene entzieht sich unwiderruflich unserem Zugriff. Da das Vergangene zudem selbst in laufender Veränderung begriffen war und sicher nicht weniger Komplexität als die Gegenwart aufwies, ist es ganz grundsätzlich undenkbar, dass es mit noch so großer Anstrengung jemals vollständig im Gedächtnis bewahrt werden kann, sei es gedanklich, schriftlich oder wie auch immer. Das gelingt uns schon mit dem gestrigen Tag nicht – nicht in seiner Vollständigkeit, aber auch noch nicht einmal in seinen situativen Elementen. So lehren uns Denkpsychologie und Neurophysiologie, dass das Erinnern einer vergangenen Situation nicht ein Abrufen eines fest gespeicherten Bildes ist, sondern dessen immer wieder neue Konstruktion aus quellengleichen Fragmenten und verbindenden Ordnungsvorstellungen.

Eine historische Realität, die oft naiv angenommen wird, kann es darum auch gar nicht geben, jedenfalls nicht in einer für uns erfahrbaren Weise. Wir kennen nur die Reste einiger Ausschnitte der Vergangenheit und können diese noch nicht einmal angemessen gewichten, da der riesige Raum unseres Nichtwissens in seiner Ausdehnung unbekannt ist und auch so bleiben wird. Die neuere Wissenschaftstheorie der Geschichte lehrt uns, dass es ganz unmöglich ist, Vergangenheit zu rekonstruieren. Als Anhaltspunkte bleibt uns nur das, was am Vergangenen nicht vergangen ist. Dies gilt für das private Leben von Individuen ebenso wie für die professionell erforschte Geschichte einer Gesellschaft. Geschichte bleibt auf die meist zufällige Überlieferung der Quellen angewiesen und kann nicht zur Vergewisserung rückfragen. Im Unterschied zu den Natur- und Technikwissenschaften kann die Geschichtswissenschaft ihre Aussagen nicht verifizieren, da sie nicht am "Gegenstand" überprüft werden können. Das hatte zur Konsequenz, dass der Geschichte von vielen Historikern und Philosophen der Gegenstand kategorisch abgesprochen wurde.

Was bleibt dann der Geschichtswissenschaft noch, wenn sie keinen Gegenstand hat? Wozu dient dann die Auseinandersetzung mit den Überresten der nicht rekonstruierbaren Vergangenheit, den schriftlichen, mündlichen und gegenständlichen Quellen? Es kann nur der Dialog mit den Quellen selbst sein, die uns als Überreste der Vergangenheit mit einem Anderen konfrontieren, das nicht beliebig gestaltbar ist und zugleich zeitlich auf dem Weg zu uns liegt. Sie sind authentischer Ausgangspunkt eines Nachdenkens über Veränderung, auch wenn sie als bloße Bruchstücke keine authentische Rekonstruktion von Vergangenheit zulassen. An den Quellen macht sich Erinnerung an tatsächliches, vergangenes Handeln in überprüfbarer Weise fest und diszipliniert so die Produktion von Erfahrung, verleiht ihr trotz aller Unvollständigkeit größere Plausibilität und bietet die Chance, neben den vielen individuellen Geschichten auch eine gemeinsame Geschichte erzählen zu können. Wenn die Quellen uns Vergangenheit auch nicht vollständig erschließen, so schränken sie die Geschichten, die wir mit gutem Gewissen über sie erzählen können, doch drastisch ein, indem nur Geschichten mit den Quellen aber keine gegen sie begründbar sind. Da die Aufgabe und Legitimität einer Wissenschaft in begründeten und vor allem intersubjektiv begründbaren Aussagen besteht, sind die Quellen zusammen mit den sie verbindenden Ordnungsvorstellungen, den Theorien, die tragenden Säulen der Geschichtswissenschaft. Ginge es dabei tatsächlich nur um Faktenwissen und nicht um unsere Identität, dann könnte es uns gleich sein, wie unsere Geschichte normativ zu bewerten ist. Das ist aber, wie gerade der Streit um die jüngste deutsche Geschichte – oder die jüngste Geschichte fast einer jeden Gesellschaft – zeigt, ganz entschieden nicht der Fall.

Die Auseinandersetzung mit den Quellen dient dem Begreifen von Veränderung und der Orientierung in der Zeit, ohne sie überwinden zu können. Nicht die Vergangenheit suchen wir – was sollten wir auch in ihr? – sondern die Orientierung in der zeitlichen Dimension unseres eigenen Lebens – individuell wie auch gesellschaftlich. Geschichtswissenschaft ist nicht, wie der Historismus des 19. Jahrhunderts noch postulierte, Tatsachenwissenschaft der Vergangenheit – sie kann es gar nicht sein, da ihre "Tatsachen" sich allesamt in der Gegenwart befinden – sondern Reflexionswissenschaft. Dank der auf uns überkommenen Quellen können wir zwar etwas darüber sagen, was war, aber nicht, was alles war, und darum letztlich auch nicht mit Bestimmtheit, welche Bedeutung das, was war, für die Menschen der Vergangenheit hatte. Wohl aber können wir sagen, welche Bedeutung es für uns hat. Wir schöpfen aus den Quellen Bedeutung und damit Identität für uns als Teilhaber und Akteure in einem dauernden Wandlungsprozess. Das ist der Kern der Geschichte als Reflexionswissenschaft.

In dem Maße, wie ihr der historische Gegenstand abhanden gekommen ist, sind der Geschichte die historischen Probleme zugewachsen. Statt dem aussichtslosen Vorhaben nachzujagen, die Vergangenheit zu rekonstruieren, konzentriert sich eine theoretisch reflektierte, reflexive Geschichtswissenschaft auf die Probleme, die das Verfassen einer eigenen Geschichte – sei es eines Staates, einer sozialen Gruppe, einer Industrie, einer Wissenschaftsdisziplin oder eines Individuums – als Bestandteil ihrer Identität aufwirft.

Bezogen auf die Technikgeschichte bedeutet das, dass sie sich mit den Problemen der Veränderung von Technik in der Zeit beschäftigt, einer Technik, die nach obiger Definition in erster Linie menschliches Tun ist. Wir erfahren uns in der Technikgeschichte als technisch Handelnde ebenso wie als Objekte technischer Handlungen und fragen dabei nach den Problemen, die Veränderungen dieser Handlungen für uns und unsere Gesellschaften aufwerfen. Es geht um das Verstehen der technischen Dimension unseres Lebens vor dem Hintergrund der überkommenen geistigen wie materiellen Manifestierungen vergangener technischer Handlungen wie auch der aktuellen in den Veränderungsprozessen der Gegenwart. Im Dialog mit den Quellen vergewissern wir uns der Veränderungspotenziale ebenso wie der Wertebildung und schärfen unseren Blick für Kontingenzen in der Entwicklung technischen Handelns und die Chancen und Gefahren, die darin liegen. Technikgeschichte diskutiert die Formen und Bedingungen der Veränderbarkeit von Technik und damit von Gesellschaft. Sie dient der Orientierung in einer Zeit, die in besonderem Maße von technisch vermittelten Umbrüchen der Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen geprägt ist, von der nur dank technischer Mittel noch überlebensfähigen Zahl der Menschen auf der Erde bis zur existenziellen Bedrohung der Menschheit durch Technik. Technisches Handeln ist von existenzieller Bedeutung wie kaum ein anderes, seine konkrete Gestaltung in der Zeit ein gesellschaftliches Problem größter Bedeutung und das Nachdenken darüber der wirkliche, im wissenschaftlichen Diskurs überprüfbare Gegenstand der Technikgeschichte.

Stand: 20.11.2011