„How safe is safe enough?“ Evidenzpraktiken technischer Sicherheit in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung

Graphik verwendet von Prof. Rausch in einer Fernsehdiskussion zur Atomenergie am 12.12.1973 (BArch B 106/52528)

(gemeinsam mit Karin Zachmann und Johannes Günther)

Teilprojekt 3 der DFG Forschergruppe 2448 "Evidenzpraktiken"

Das Projekt untersucht Evidenzpraktiken der technischen Sicherheit im geteilten Deutschland von den 1950er-Jahren bis in die 1980er-Jahre am Beispiel von zwei Technikbereichen, dem Kraftfahrzeugwesen und der Kerntechnik. Als Schlüsseltechnologien des Atom- und Konsumzeitalters trugen diese beiden Bereiche erheblich zur Entwicklung der Vorstellung von ‚Sicherheit‘ als einer zentralen gesellschaftlichen Wertidee bei. Wir gehen davon aus, dass die im Kontext der deutschen Nachkriegsgeschichte und des Kalten Krieges erfolgende Versicherheitlichung von Technikbereichen, d.h. die Identifizierung immer neuer sicherheitsrelevanter Bereiche, mit der Verwissenschaftlichung technischer Sicherheit einherging. Der gewählte Zugang über eine Verflechtungsgeschichte, die zwei verschiedene Technikbereiche in den beiden deutschen Staaten in den Blick nimmt, macht es möglich, Evidenzpraktiken der technischen Sicherheit in ihrer Verknüpfung mit den jeweiligen politischen Machtverhältnissen, Gesellschaftsstrukturen und gemeinsamen Traditionen zu bearbeiten. Ziel ist es, mit Hilfe des Chiasmus practicing evidence – evidencing practice, sowohl die Sicherheitsdiskurse als auch die konkreten Praktiken der technischen Sicherheit als zunehmend wichtiger werdende Bedingung für die gesellschaftliche Akzeptanz von Technik zu untersuchen. Besonders seit Ende der 1960er-Jahre wurde diese Akzeptanz zunehmend brüchig, wodurch sich das Problem der technischen Sicherheit zu einem brisanten gesellschaftlichen Konfliktfeld entwickelte. Dabei ist die Entwicklung neuer Evidenzpraktiken technischer Sicherheit weder allein auf technische Expertise, noch ausschließlich auf politische und gesellschaftliche Anforderungen zurückzuführen. Vielmehr – so die These des Teilprojekts – wurde Evidenz für technische Sicherheit in einer trading zone von unterschiedlichen Akteuren aus diesen beiden Bereichen gemeinsam ausgehandelt. Gefragt wird insbesondere, ob sich bereichsübergreifende Darstellungsformen und Verfahren entwickelt haben, die sicherheitsrelevantes Wissen anschaulich und glaubwürdig machen (z.B. Unfallstatistiken, Crashtests, Testsimulationen), und ob dabei neue Unsicherheiten entstanden sind. Das Projekt beabsichtigt nicht, eine Geschichte technischer Sicherheit per se zu schreiben. Stattdessen konzentriert es sich auf die Handlungs- und Aushandlungsprozesse, in denen das Wissen, das für die Identifizierung sicherheitskritischer Bereiche und für die Vorbereitung und Durchsetzung von Entscheidungen zur Reduzierung von erwarteten Gefahren gefordert, akzeptiert oder auch verworfen wird, das Qualitätsmerkmal der Evidenz erlangt.

Das Internationale Afrikainstitut (IIALC/IAI) und die europäische Afrikanistik, 1926-1976

IAI-Seminar zur Afrikanischen Geschichte, Dakar 1961 (LSE IAI 15/1)

Das 1926 gegründete Internationale Afrikainstitut (IIALC/IAI) in London war die erste und lange Zeit wichtigste inter- bzw. transnationale Organisation auf dem Gebiet der Erforschung afrikanischer Sprachen, Kulturen und Gesellschaften. Während seine Entstehung in erster Linie auf das kolonialreformerische Projekt einer kulturell "angepassten" Entwicklung Afrikas zurückging, erlangte das Institut schnell erhebliche wissenschaftliche Bedeutung. Indem es Wissenschaftler verschiedener Nationalitäten und Disziplinen vernetzte, wissenschaftliche Themen setzte und Forschungsgelder verteilte, hatte es erheblichen Anteil an der Entwicklung der Afrikanistik von der kolonialen "Amateurforschung" des frühen 20. Jahrhunderts zur akademisch institutionalisierten Regionalexpertise im Rahmen der Area Studies des Kalten Kriegs.

Die Geschichte des IAI illustriert daher nicht nur die Verflechtung von Afrikaforschung und Kolonialismus. Sie beleuchtet auch die Umstände und Folgen der Etablierung kulturwissenschaftlichen Wissens als (kolonial-) politischer Expertise, die wichtige Rolle transnationaler Akteure wie der Missionsbewegung oder der US-amerikanischen philanthropischen Stiftungen, sowie die topografischen, disziplinären und intellektuellen Verschiebungen im Kontext von Dekolonisierung und afrikanischer Unabhängigkeit.

 

 

http://www.v-r.de/de/uebersetzer_afrikas/t-0/1095048/