Forschung an der Professur für Technikgeschichte

Past and Present TechnoWorlds

Im Zentrum der Forschungsarbeiten an der Professur für Technikgeschichte an der TUM stehen die Prozesse des Umzugs der Menschen aus dem Biotop ins Technotop. Untersucht werden die epistemischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Bedingungen der Herstellung, des Transfers und der Aneignung von Wissen und Technik in je spezifischen historischen Kontexten.

Dabei wird von einem breiten Wissens- und Technikbegriff ausgegangen, der sowohl Wissensbestände, Handlungsformen, Artefakte und Biofakte umfasst. Die an der Professur bearbeiteten und beantragten Forschungsprojekte werden diesem umfassenden Wissens- und Technikverständnis durch ein breites Themenspektrum gerecht. Ziel ist es, Technisierungsprozesse aus einer reflexiven Perspektive und im Dialog mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften zu erforschen, um damit Orientierungswissen für die Gesellschaft bereitzustellen.

 

Laufende Forschungsprojekte

Evidenzpraktiken technischer Sicherheit

Bearbeiter: Dr. Stefan Esselborn, Prof. Dr. Karin Zachmann

Das Projekt untersucht Evidenzpraktiken der technischen Sicherheit im geteilten Deutschland von den 1950er-Jahren bis in die 1980er-Jahre am Beispiel von zwei Technikbereichen, dem Kraftfahrzeugwesen und der Kerntechnik. Als Schlüsseltechnologien des Atom- und Konsumzeitalters trugen diese beiden Bereiche erheblich zur Entwicklung der Vorstellung von ‚Sicherheit‘ als einer zentralen gesellschaftlichen Wertidee bei. Wir gehen davon aus, dass die im Kontext der deutschen Nachkriegsgeschichte und des Kalten Krieges erfolgende Versicherheitlichung von Technikbereichen, d.h. die Identifizierung immer neuer sicherheitsrelevanter Bereiche, mit der Verwissenschaftlichung technischer Sicherheit einherging.

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Eine stille Revolution. Singapur als logistische Stadt, 1850-1940

Bearbeiter: Felix Mauch

Das Forschungsprojekt zeichnet die Planung Singapurs zur „logistischen Stadt“ nach. Dabei wird Logistik als wissens- und technikintensive Praxis erforscht, die im „langen“ 19. Jahrhundert nicht nur den Fluss kolonialer Waren- und Kapitalströme steuerte, sondern auch den urbanen Raum neu konfigurierte. An der Schnittstelle von Technik- und Umweltgeschichte wird argumentiert, dass die Expansion Singapurs einerseits infrastrukturell und topografisch, andererseits als direkte Folge einer Kulturtechnik zu interpretieren ist, die eben jene Formen von Steuerung, Koordination und Kontrolle hervorbrachte, die mit all ihren sozialen, machtpolitischen und materiellen Konsequenzen als spezifisch „logistisch“ zu kategorisieren sind.

Of Flies and Men: Global Insect Vector Control Regimes, 1960s-1980s

Bearbeiterin: Sarah Ehlers

In den 1970er Jahren begannen internationale Organisationen wie die UN, die WHO und die Weltbank kombinierte Umwelt- und Gesundheitsprogramme für den entstehenden „globalen Süden“ zu entwerfen. Ziel dieser großangelegten Interventionen war es, Maßnahmen zu entwickeln, die insbesondere umweltbedingte Infektionskrankheiten dauerhaft eindämmen würden. Die Studie analysiert Programme, die auf durch Vektoren übertragene Infektionskrankheiten wie Malaria, Schwarzwasserfieber oder Flussblindheit zielten und widmet sich insbesondere der Entwicklung der Programme sowie ihrer Implementierung. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Erfahrungen aus unterschiedlichen Regionen des Globalen Südens verwertet wurden und welche neuen oder modifizierten Praktiken durch diesen Erfahrungsaustausch zur Anwendung kamen. Wie beeinflussten etwa Erkenntnisse aus Kenia die River Blindness Control-Programme in Mexiko? Welchen Einfluss hatten NGOs und der entstehende Ökologismus beispielsweise auf den Pestizideinsatz der Programme?

Planning for Persistent Environmental Contamination: Public Health, Indigenous Traditional Knowledge, and Technoscience in Canada

Bearbeiterin: Sarah Blacker

Meine Forschung verortet sich am Schnittpunkt von STS, Kommunikationswissenschaft und Critical Race Studies. Dabei beschäftige ich mich in erster Linie mit der öffentlichen Verteilung von wissenschaftlichem Wissen zu rassistischer Diskriminierung, Gesundheit und Umweltbelastung. Mein laufendes Forschungsprojekt mit dem Titel “Planning for Persistent Environmental Contamination: Public Health, Indigenous Traditional Knowledge, and Technoscience in Canada” erforscht von Citizen-Science-Projekten verwendete Evidenzpraktiken für Umweltbelastung im Kontext des kanadischen Siedler-Kolonialismus, in dem Evidenzpraktiken dieser Art grundsätzlich umstritten sind. Wissenschaftler stützten sich zur Datensammlung lange Zeit auf die Bemühungen von „Laien“ oder „Amateuren“, deren spezifische Ortskenntnis, Zugang zum Feld, sowie nicht zuletzt die Verfügbarkeit ihrer Zeit und Mühe den Rahmen und die Richtung der Produktion wissenschaftlichen Wissens erheblich beeinflussten. Um zu untersuchen, wie Evidenz zur Feststellung von Umweltschäden hergestellt wird, analysiere ich umstrittene Messmethoden und die Verhandlungen zwischen First-Nations-Akteuren, Toxikologen, Industrie und Verantwortlichen in der Politik über die Frage, was als Evidenz zulässig ist.

Die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse technischer Sicherheit im Automobilverkehr der DDR

Bearbeiter: Johannes Günther

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stehen die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die um die Herstellung und den Nachweis von technischer Sicherheit im Automobilverkehr der DDR von den 1950er bis in die 1980er Jahre geführt wurden. Zentrale Frage dabei ist, wie in der politisch „durchherrschten Gesellschaft“ der DDR Sicherheitskonzepte, -kriterien und -praktiken zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit ausgehandelt worden sind, um akzeptiert und durchsetzbar zu sein. Dabei wird sich das Projekt auf zwei hierfür essentielle Evidenzpraktiken beziehen. Einerseits soll die Bedeutung technischer Prüfverfahren wie Crashtests, Technische Überprüfungen oder (Selbst-)Reparaturen untersucht werden. Andererseits wird der Einfluss der sozialistischen Verkehrserziehung auf die Wissensvermittlung und Aushandlung automobiler Sicherheit in den Fokus rücken.

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Abgeschlossene Projekte

Die Sprache der Biofakte. Semantik und Materialität hochtechnologisch kultivierter Pflanzen

Ziel des vom BMBF geförderten Forschungsverbundes Die Sprache der Biofakte ist es, am Beispiel hochtechnologisch kultivierter Pflanzen ein theoretisches und empirisches Gerüst für die Analyse und das Verständnis von Biofakten als sozio-technischen Objekten in modernen Gesellschaften zu erarbeiten. Damit soll sowohl eine vertiefte Reflexion auf Biofakte als auch ein besseres Verständnis aktueller Konflikte auf dem Agrar- und Ernährungssektor erreicht werden. Als interdisziplinärer Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Geschichte, Philosophie, Soziologie und dem Industrial Design umfasst der Forschungsverbund sechs Teilprojekte. Sie sind an der Technischen Universität München, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Technischen Universität Braunschweig angesiedelt. Die Professur für Technikgeschichte nimmt die Koordination des Projekts federführend wahr.

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